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Ziele, Akteure und Adressaten politischer Bildung

Von: de.wikipedia.org/wiki/Politische_Bildung

In demokratischen Gesellschaften ist es das Ziel der politischen Bildung, systematische Kenntnisse über das demokratische System zu vermitteln und Kompetenzen für demokratisches Handeln zu stärken, um die Bürger zu mündigen Staatsbürgern zu erziehen. Kurz gefasst: Demokratie lernen

Akteure der politischen Bildung sind in erster Linie die Lehrer an den Schulen der Allgemeinbildung, ferner der Beruflichen Schulen und Hochschulen. Auch in der Bundeswehr wird Politischer Unterricht gehalten. In der Jugendbildung freier Träger und der Erwachsenenbildung gelten andere Prinzipien der Teilnahme: Freiwilligkeit, Einmaligkeit der Veranstaltung, fehlende Leistungskontrollen schaffen besondere Bedingungen. Auch die öffentlich-rechtlichen Medien haben einen Auftrag zur politischen Bildung.

Die Akteure im öffentlichen Auftrag (Lehrer, Landeszentrale für politische Bildung) sollen sich bemühen, auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Ordnung politische Themen möglichst objektiv und offen für mehrere Meinungen zu behandeln. Das heißt nicht, dass sie selbst keine Meinung vertreten, doch muss ein Werturteil als solches erkennbar sein. Den Lernenden soll Raum gegeben werden, ihr eigenes politisches Weltbild zu entwickeln. Die Aktivitäten der freien Träger in der politischen Bildung spiegeln meist die Interessen der Auftraggeber aus Stiftungen, Verbänden und privaten Geldgebern wider.

Frühgeschichte der politischen Bildung

Schriften zur politischen Bildung gibt es in Europa seit dem 5. Jh. v. Chr. - so die Kyrupädie ("Erziehung des Kyros") des griechischen Autors Xenophon. Aristoteles und Cicero betonen die Notwendigkeit politischer Erziehung für den Bestand des Staates.[1] Oft wird die Form der Darstellung eines musterhaften Herrschers genutzt, etwa bei Einhards Karlsvita. Zielgruppe waren die kommenden Monarchen ("Fürstenspiegel", "Politisches Testament"), doch gab es damit auch den Untertanen eine Möglichkeit der Kritik an ihren aktuellen Herren. Die Entstehung einer öffentlichen Meinung über Zeitungen, Theater und Klubs, die Diskussion politischer Fragen unter Bürgern, der Wille zu politischer Emanzipation durch Vernunft und Bildung kennzeichnen die Epoche der Aufklärung.[2

Weltanschauliche Richtungen politischer Bildung

Mit dem Aufkommen der modernen politischen Richtungen und Weltanschauungen seit der Französischen Revolution entstanden typische Ziele politischer Bildung, die bis in die Gegenwart wirken.

Für Konservative ist das oberste Ziel die Aufrechterhaltung von Ordnung und Hierarchie durch die Staatsautorität und anerkannte Tradition. Verständnis für politische Zusammenhänge und die Notwendigkeit der Ordnung soll geweckt werden " Institutionenkunde, Rechtsprinzipien " und die Staatsbürger sollen Gemeinsinn für ihre Umgebung (Gemeinde, Kreis, Land, Gesamtstaat) entwickeln.

Für Liberale ist das oberste Ziel die Wahrung der rechtsstaatlichen und parlamentarischen Verantwortlichkeiten. Wissen über die Gesellschaftsordnung und Wertebewusstsein, besonders für Menschen- und Grundrechte, sowie das Einüben von soziale Tugenden sind wichtige Ziele.

Für liberal-sozialdemokratische Positionen ist das oberste Ziel, eine vielfältige Konkurrenz um Stabilität und Effizienz zu erreichen. Politische Bildung soll Urteilsvermögen schärfen und eine kritische Loyalität zu allen gesellschaftlichen Akteuren und Institutionen schaffen. Politische Partizipation Integration und Verteidigung demokratischer Errungenschaften sind hier wichtige Ziele.

Für linksdemokratische Sozialisten ist das oberste Ziel der Abbau von Herrschaft in allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Prioritäten liegen auf Herrschafts- und Ideologiekritik. Benachteiligte Bürger sollen sich bewusst werden, dass sie kollektiv handeln müssen, um sich zu emanzipieren.

Für Marxisten ist oder war das Ziel die revolutionäre Aufhebung der politisch-ökonomischen Grundstruktur des kapitalistischen Systems. Die Bürger sollen ein Klassenbewusstsein entwickeln. Für die Aufhebung der Ordnung ist es wichtig, solidarische Handlungsformen zu fördern.

Phasen der politischen Bildung im demokratischen Deutschland

Politische Bildung im heutigen Sinn ist untrennbar mit demokratischen Verhältnissen und offenen Debatten verknüpft. Politische Bildung fand auch unter undemokratischen Zuständen statt wie: die "staatsbürgerliche Erziehung", wie von Georg Kerschensteiner gefördert, im Kaiserreich, die nationalsozialistische Erziehung oder die Staatsbürgerkunde der DDR. Für die Phasen der Demokratieerziehung sind sie nicht relevant. Der nationalliberale Lehrer Paul Rühlmann hat 1908 zuerst den Begriff der politischen Bildung benutzt und ein eigenes Unterrichtsfach gefordert. 1919 hat er in der besseren politischen Schulung der Franzosen einen Grund für die deutsche Niederlage im Weltkrieg gesehen.

Weimarer Republik 1918 - 1933

Mit der Novemberrevolution setzte sich in Deutschland nicht nur die Demokratie durch, sondern es kamen auch neue Initiativen im Bildungswesen zum Zuge. Die Volkshochschulen erlebten einen gewaltigen Gründungsboom, aber auch andere Bildungsinstitutionen nahmen einen Aufschwung. Im Umkreis der (damals noch in verschiedene Strömungen zersplitterten) Gewerkschaften mussten Tausende von Funktionären für die neuen Formen der Mitbestimmung und Selbstverwaltung geschult werden, die Parteien bemühten sich verstärkt um die Aufklärung ihrer Mitglieder, und eine ganze Reihe unabhängiger Institutionen wandte sich an andere Gruppen oder an alle Staatsbürger. Die Heimvolkshochschulen (nach dänischem Vorbild) versuchten in längeren, oft mehrmonatigen Kursen die politische Erziehung mit der Persönlichkeitsbildung zu verbinden. Die "Reichszentrale für Heimatdienst", deren Anfänge schon im Ersten Weltkrieg lagen, versuchte sich in der Schulung von "Rednern" und der Unterstützung republikfreundlicher Kräfte. Das neue Schulfach "Staatsbürgerkunde" erhielt in der Weimarer Verfassung einen Verfassungsauftrag in Art. 148.

Alliierte Kontrolle 1945 - 1949

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war die politische Bildung im Auftrag der Alliierten darauf ausgerichtet, die Deutschen zu entnazifizieren (Entnazifizierung, Reeducation). Es ging darum, die Deutschen überhaupt zu demokratisieren. Der Alliierte Kontrollrat beschloss in seiner "Direktive 54" vom 25. April 1947, dass die Schulen "die Entwicklung eines bürgerlichen Verantwortungsgefühls" und "die Auffassung einer demokratischen Lebensweise" fördern sollen. Die Alliierten (besonders die britische Besatzungsmacht) unterstützten aber auch die Entstehung neuer Lernorte und Bildungsprogramme, besonders für Frauen und Jugendliche. Die Alliierten suchten dafür Unterstützung bei Deutschen, die aus älteren demokratischen Traditionen Deutschlands vor dem Nationalsozialismus stammten.

Frühe Bundesrepublik 1949 - 1969

Die Bundesländer, denen in der BRD die ausschließliche Zuständigkeit für die politische Bildung zustand, taten sich schwer damit. Anstöße kamen aus der Pädagogik (z. B. Erich Weniger, NS-belasteter Theodor Wilhelm 1951) und der neu etablierten Politikwissenschaft an den Universitäten, z. B. der Freiburger Schule. Die Diskussionen um die "Aufarbeitung der Vergangenheit", besonders nach neuen antisemitischen Vorfällen, verstärkten ab Ende der 1950er Jahre die Ansätze einer wissenschaftlichen Begründung und professionellen Arbeit. Das Fach "Gemeinschaftskunde" oder "Sozialkunde" wurde neben dem Geschichtsunterricht etabliert. In den 1960er Jahren fand ein Übergang von älteren eher erziehungsphilosophischen Theorien zu konkreten fachdidaktischen Konzeptionen der politischen Bildung statt. Anlass war die Einrichtung von vielen Lehrstühlen für Politikdidaktik an den Hochschulen. Außerhalb der Schulen verbanden sich einflussreiche Kräfte der politischen Bildung mit den Impulsen der 1968er-Bewegung ("Mehr Demokratie wagen!").

Gereifte Bonner Republik 1970 - 1989

In der Phase nach dem Regierungswechsel 1969 differenzierten sich die politididaktischen Ansätze aus, und es begann eine Systematisierung didaktischer und methodischer Ansätze. Politische Kontroversen um tatsächliche oder vermeintliche Einseitigkeiten der politischen Bildung prägten die Szene innerhalb (Hessische Rahmenrichtlinien[3]) und außerhalb der Schulen.

In der politischen Erwachsenenbildung bildete sich eine Vielzahl neuer Institutionen heraus - einerseits geprägt vom politischen Gestaltungsoptimismus dieser Jahre, andererseits mit angestoßen von einer neuen Gesetzgebung vieler Bundesländer zur Weiterbildung der Arbeitnehmer.

Im so genannten "Beutelsbacher Konsens" schlugen in den 1970er Jahren wichtige Politikdidaktiker - zunächst für den schulischen Bereich - einige Grundprinzipien dafür vor, was Politische Bildung darf bzw. beachten muss. Die drei Grundsätze beinhalten 1) das ßberwältigungsverbot, d.h. dass Lehrkräfte ihre Meinung den Lernenden nicht aufnötigen dürfen; 2) das Kontroversitätsgebot: Es muss kontrovers im Unterricht diskutiert werden, was auch in der Öffentlichkeit kontrovers erscheint; 3) Politische Bildung muss die Schüler in die Lage versetzen, die politische Situation und ihre eigene Position zu analysieren und daraus Konsequenzen zu ziehen. Diese Normen sind inzwischen auch weitgehend akzeptiert für die außerschulische Jugend- und Erwachsenenbildung, die sich in vielem vom Schulunterricht unterscheidet.

In den 1980er Jahren gab es eine Debatte über den Vorstoß von Jürgen Habermas, das Ziel politischer Bildung sei Verfassungspatriotismus in Abgrenzung vom überholten nationalen Patriotismus. Doch die nationale Orientierung in Deutschland 1990 beendete dies.

Vereinigtes Deutschland ab 1990: Münchner Manifest und Bildungsstandards

Eine neue Herausforderung für die politische Bildung war die Vereinigung Deutschlands, weil mit der ostdeutschen Bevölkerung eine anders geprägte und sozialisierte Gruppe zur Zielgruppe politischer Bildung wurde. Gleichzeitig trat ein verstärkter Rechtsextremismus in Ost und West auf.

Die zweite Generation von Hochschullehrer wurde berufen. Die Politikdidaktik wandte sich auch stärker empirischen Fragen der Lehr-Lern-Forschung zu. Strittig wurde vor allem die Ausrichtung auf einen eher kognitiv und reflexiv ausgerichteten Unterricht mit Wissensinhalten oder auf einen verhaltensformenden Unterricht, der demokratische Einstellungen einübt, stärker Projektcharakter hat, konkrete Lebensprobleme der Jugendlichen behandelt und auf eine Praxis der Schülermitverantwortung zielt. Für die erste Richtung in dieser Kontroverse können die Didaktiker Gotthard Breit und Peter Massing, für die andere Gerhard Himmelmann oder Peter Fauser genannt werden.

Die Bundeszentrale für politische Bildung und die Landeszentralen für politische Bildung haben 1997 im Münchner Manifest die Aufgaben der politischen Bildung im 21. Jahrhundert formuliert.

Einen breiten Konsens über die Ziele politischer Bildung erreichte die Fachdidaktik der politischen Bildung mit der Ausarbeitung eines Entwurfs für nationale Bildungsstandards für den Politikunterricht in der Schule im Jahr 2004 (s.u. GPJE 2004). Hier werden die Ziele des Faches in drei Kompetenzbereichen definiert: politische Urteilsfähigkeit, politische Handlungsfähigkeit und methodische Fähigkeiten. Diese Fähigkeiten werden nach konkreten Kompetenzbeschreibungen für alle Schulstufen differenziert und sollen insgesamt die politische Mündigkeit der Schüler fördern. Die Bildungsstandards für den Politikunterricht stellen allerdings keine verbindliche Vorschrift der Kultusministerkonferenz wie in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch dar, sondern nur Empfehlungen eines Fachverbandes.